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Komponieren in Zeiten der Poststilistik - John Adams
Waehrend die Verkaufszahlen am Sektor der klassischen Musik dramatische
Einbrueche verzeichnen, findet die amerikanische Spielart der zeitgenoessischen
Moderne, die Minimal Music immer noch ihre Hoererschaft. In einem Interview
gibt einer ihrer bekanntesten Vertreter, John Adams, ueber die Entstehungszeit
der Minimal Music, seine Beziehung zu Rock und Jazz, und ueber sein Dasein
als zeitgenoessischer Komponist Auskunft.
Mit Qualitaetsurteilen ueber Minimal Music ist man im europaeischen Raum
immer schnell zur Hand. Zu gefaellig, zu kommerziell, zu oberflaechlich,
lauten die Bewertungen. Und zum Drueberstreuen faehrt die europäische
Musikkritik immer mit den duemmsten Klischees und Antiamerikanismen auf,
so nach dem Prinzip, man habe es hier mit billiger und wertloser McMusik
zu tun. Als anschauliches Beispiel erinnert man sich der Reaktion der
englischen Musikpresse auf einen versaeumten Abgabetermin einer Komposition
des Minimalisten Steve Reich. Man verstehe gar nicht, warum der Komponist
sein Werk nicht vollenden konnte, wo doch eine Fotokopiermaschine das
doch leicht haette erledigen können.
Minimal Music ist eben eine amerikanische Angelegenheit, ein Produkt eines
freieren, aber eben auch publikumsorientierten Kulturbetriebes. Die Komponisten
aus Uebersee, etwa Terry Riley, Steve Reich, LaMonte Young oder Philipp
Glass, um nur einige zu nennen, sind mit ihrer Musik naeher am Ohr der
Hoererschaft als ihre Kollegen hierorts. Wenngleich, es laesst sich nicht
verheimlichen, die Minimal Music auch schoen langsam in die Jahre gekommen
ist, denn so richtig frisch wollen die juengsten Werke von Glass und Reich
nicht mehr klingen. Im Gegensatz zur europaeischen zeitgenoessischen Musik
gelingt es ihnen aber, auch ein junges Publikum anzusprechen. Minimal
Music ist fernsehtauglich, besitzt in ihren repetierten formalen Mustern
psychedelisches und meditatives Potential, und laesst sich auch en passant
konsumieren. Vielleicht ein Erfolgsgeheimnis.
John Adams waehlt einen etwas anderen Zugang als die uebrigen Minimalisten.
Seine Musik ist weniger dogmatisch, weniger puristisch, und holt sich
nicht strikt an formale Regeln der Minimalisten. In seinen Werken finden
sich jazzige Elemente, und einen gewissen Hang zur Spaetromantik kann
er wohl auch nicht abstreiten, in seiner Selbstbeschreibung ein typischer
Komponist der poststilistischen Epoche eben. Am bekanntesten wurde er
wohl mit seiner Oper "Nixon in China3", die sich, voellig opernunueblich,
eines Stoffes der Tagespolitik annahm. Anlaesslich seines Konzertes in
Wien, uebrigens das letzte in der Konzerthaus-Reihe "Musik aus Amerika",
ein Gespraech mit John Adams.
Ich moechte mit einigen Fragen zu ihrer Biographie beginnen: Ihr Vater
war ein Jazz-Saxophonist?
Ja. Aber er war nicht beruehmt. Er hat sich und seine Familie waehrend
der grossen Depression in den 30- und 40-Jahren unterstuetzt, indem er
in einer Band gespielt hat. Meine Mutter war eine Amateursaengerin, die
in lokalen Produktionen von Broadway-Shows gesungen hat. Und mein erster
Buehnenauftritt war in dem Musical South Pacific, wo ich den kleinen polynesischen
Jungen gesungen habe, und meine Mutter spielte die Rolle der Bloody Mary.
Wir hatten also eine Menge an interessantem Jazz und Broadway Musik in
unserem Haus, als ich aufwuchs.
Hat sie der Jazz beeinflusst?
Oh ja, absolut. Ich hatte waehrend meines ganzen Lebens immer eine enge
Beziehung zu amerikanischer Popmusik und zum Jazz. In den 60-Jahren war
ich ein College-Student, und das war eine Periode grosser Kreativitaet
in Amerika, speziell die Zeit zwischen 1965 und 1970. Es hat nicht lange
gedauert, aber das war die Zeit, als die Rockmusik in voller Bluete stand.
Ich war in einem sehr zarten Alter, und das alles hatte ungeheure Wirkung
auf mich. Da waren diese grossartigen Bands, alles von den Beatles über
Paul Butterfield bis zu den Supremes, die Motown Bands und die San Francisco
Bands, und zur selben Zeit gab es diesen fabelhaften Jazz, John Coltrane,
Ornette Coleman, Eric Dolphy, Bill Evans und so weiter ....
Und diesen Einfluss spuert man auch in ihrer Musik?
Sicher. Andererseits bin ich das, was man, in Ermangelung eines besseren
Ausdrucks, einen "klassischen" Komponisten nennt. Ich bin kein
Jazzkomponist, nicht einmal jemand wie Keith Jarrett oder Frank Zappa.
Ich schreibe für Orchester und meine Welt ist die Welt der klassischen
Musik, aber andere Elemente kommen in meiner Musik immer wieder vor, und
das ist mit einer Reihe von amerikanischen Komponisten der Fall. Es taucht
in sublimierter Form auf. Es klingt nicht vordergruendig nach Rock´n´Roll,
aber man kann den Puls fuehlen, und alles ist sehr tonal. Und meine Musik
ist auch ziemlich aufgeladen und energetisch.
Was sind ihre Haupteinfluesse als klassischer Komponist?
Als kleiner Junge wuchs ich auf in einer Familie, in der die Musik eine
wichtige Rolle spielte. Meine Mutter sang, mein Vater spielte Klarinette
und Saxophon, und ich begann mit ihm in Bands zu spielen, vorwiegend Marching
Bands. Das war ein grosser Einfluss. Zur selben Zeit bildete mich mein
Vater zu einem guten Musiker aus. Ich lernte sehr frueh das Klarinettenkonzert
von Mozart, und ich war sehr interessiert an Schallplatten. Ich legte
mir dann auch bald eine Plattensammlung zu, und mir gefiel alles von Bach
bis Strawinsky, Copland und Gershwin, und zur selben Zeit hörte ich
Jazz und spaeter Rock. Alles war gleich wichtig fuer mich.
Und wie sind sie dann zur Minimal Music gekommen?
Man muss die Verhaeltnisse kennen, die in den amerikanischen Universitaeten
der 60-Jahre geherrscht haben. Es war eine sehr unglueckliche Situation,
weil der Grossteil der Professoren immer noch Anhaenger der Schoenberg
Aesthetik waren. Die Stimmung in der zeitgenoessischen amerikanischen
Musik war vor 30 Jahren so, wie es zum Beispiel in Wien bis zum heutigen
Tage ist, wenn ich etwa einen Blick in das Programm des Festivals "Wien
modern" werfe. Atonale Musik, Musik, die im Grunde sehr haesslich
war, sehr intellektuell, und die kein Publikum hatte. Und ich wollte mein
Leben nicht damit verbringen, so etwas zu schreiben. Meine Erfahrung von
Musik war anders. Also habe ich Harvard nach dem Studium verlassen, und
anstatt zum Studieren nach Europa zu gehen, zog ich nach San Francisco.
Ich fühlte, dass das spirituelle und intellektuelle Klima im San
Francisco der damaligen Zeit besser fuer mich sein wuerde. Kalifornien
war offener, man fand mehr asiatische und lateinamerikanische Einflüsse.
Die ersten minimalistischen Stuecke hoerte ich dann in den Siebzigern,
und die hatten grosse Wirkung auf mich, weil alle Elemente enthalten waren,
die Musik meiner Ansicht nach braucht, um verstaendlich zu sein: Tonalitaet,
klare Strukturen, und am Wichtigsten für mich, die Musik war sehr
sinnlich. Sie sprach den Zuhoerer nicht nur auf der intellektuellen Ebene
an, sondern auch auf einer sinnlichen Ebene, was Schoenberg und die ganze
Zwoelftontradition fuer mich nicht tat.
Philipp Glass hat in einem Interview einmal gesagt, dass die ersten Konzerte
mit Minimal Music skandaloese Ereignisse waren. Und dass umgekehrt Anhaenger
der Minimal Music auf Konzerte mit zeitgenoessischer europaeischer Musik
gingen, um zu provozieren und mit Tomaten zu werfen. Waren sie da auch
dabei?
Na ja, in der Rückschau werden oft Dinge etwas verklaert und romantisiert.
Aber ich kann mich erinnere, wie ich selbst im Lincoln Center in New York
ausgebuht wurde. Ich glaube, es war 1983. Die "Grand Pianola Music"
wurde gespielt, und das ist im Grunde auch ein skandaloeses Stück.
Aber es hat Spass gemacht, eine minimalistische Komposition zu schreiben,
die Elemente der Musik von Scott Joplin, Motown und Diana Ross vereint.
Es war Unterhaltungsmusik ist besten Sinne, ich wollte, dass die Zuhoerer
Spass an der Musik haben. Und nachdem die New Yorker Philharmoniker das
Stueck zu Ende gespielt hatten, verbeugte ich mich, und 20 oder 30 Leute
im Publikum haben mich aufs Aergste ausgebuht. Und das hat ziemliches
Aufsehen erregt, weil die Zuhoerer heutzutage normalerweise ihren Aerger
nicht mehr zeigen. Aber in diesem speziellen Fall kamen schon die Emotionen
hoch. In den Siebzigerjahren haben die Leute den Minimalismus gehasst.
Man sagte, er sei billig, als ob man einen MacDonalds Burger isst oder
einen Walt Disney Film ansieht. Man sagte, Minimalismus sei antiintellektuell,
so als wuerde man der hehren Kunsttradition ins Gesicht spucken. Aber
das selbe ist Alban Berg hier in Wien passiert, als er die Altenberg Lieder
zum ersten Mal auffuehrte. Diese Sachen passieren eben.
Waren die Minimalisten jemals ein Kreis, eine Gemeinschaft?
Nein, das war niemals eine Gruppe. Aber ich kenne die anderen Minimalisten
alle, und wir sind alle befreundet.
Wie denken sie über die europaeische Tradition der zeitgenoessischen
Musik, also Schoenberg, Boulez, Stockhausen? Ist das etwas, was sie respektieren,
aber in ihrer Musik nicht verwenden?
Genau, speziell für Boulez habe ich grossen Respekt, und Schoenberg
natuerlich, so schwierig er als Mensch war, als Komponist war er einer
der einflussreichsten unseres Jahrhunderts. Das kann man nicht einfach
uebergehen. Aber die Musik interessiert mich nicht, und ich kann sie fuer
meine Arbeit nicht gebrauchen. Auf der anderen Seite kann mich Boulez
nicht gebrauchen, aber ich habe groessten Respekt für ihn. Ich bin
der Meinung, dass diese Musik in eine Richtung gegangen ist, wo es keine
Moeglichkeit der Entwicklung mehr gab, und sie hat ihr Publikum verloren.
Ich habe Abende dirigiert, wo zeitgenoessische Musik auf dem Programm
stand, aber das Publikum blieb zu Hause. Vor einigen Wochen dirigierte
ich das Pittsburg Symphony Orchestra, wir spielten ein Stück von
Frank Zappa mit dem Titel "Duprees Paradise", das Violinkonzert
von Strawinsky und mein grosses Orchesterstück "Harmonielehre",
und die Haelfte des Publikums kam nicht. Sie wussten nicht einmal, was
sie zu hoeren bekommen wuerden, aber sie wussten , dass es irgend etwas
Zeitgenoessisches war, und man nimmt automatisch an, dass es unangenehm
werden wuerde. Man nimmt an, es klingt nach Schoenberg oder schlimmer,
und bleibt deshalb lieber zu Hause.
In Europa fuellt Boulez aber die Konzerthallen.
Ja, weil er ein Dirigent ist. Als Komponist haette er wahrscheinlich am
Ende seines Lebens ein bisschen Ruhm, wie Ligeti oder Stockhausen und
er wuerde vielleicht hier in Wien oder in Paris die Saele fuellen. Aber
im Prinzip gruendet sich sein Ruf auf seine Arbeit als Dirigent. Man muss
hier ehrlich sein: Komponisten, die atonale Musik und Musik ohne Puls
schreiben, haben das Publikum verscheucht. Das ist eine schreckliche Situation,
wo es kein Vertrauen und keine Kommunikation zwischen dem Komponisten
und dem durchschnittlichen Konzertbesucher, auch wenn er musikalisch informiert
ist, gibt. Sogar Ligeti, der einen grossen Namen hat, wir nennen das einen
grossen Fisch in einem kleinen Teich, hat keine Wirkung auf die Kultur
in einer Art und Weise, wie ihn etwa Richard Wagner, Duke Ellington oder
John Lennon hatte. Er hat einfach keinen Einfluss, oder nur in einem ganz
eng begrenzten Raum.
Ligetis Musik wurde etwa auch als Filmmusik verwendet. Haben sie schon
jemals fuer Film geschrieben?
Ich bin nach wie vor interessiert daran, aber das Problem ist, man muss
für den Film sehr schnell komponieren, und normalerweise sind die
Kompromisse inakzeptabel. Man komponiert etwas, und dann wird es hinter
den Dialogen begraben. Und da bewundere ich Philipp Glass. Er ist der
einzige lebende Komponist, der faehig war, in der Filmwelt zu arbeiten
und seine Integritaet zu bewahren. Aber sogar seine Filmmusik leidet unter
den Kompromissen. Und das ist eine Schande, weil Film und Musik eine perfekte
Mischung ergeben. Aber im Verhaeltnis zwischen Film und guten Komponisten
hat es schon immer gekriselt.
Sie verwenden in ihren Stuecken sowohl elektronische als auch akustische
Instrumente.
Ja, in fast allen meinen Stuecken verwende ich Synthesizer und Sampler
in Verbindung mit akustischen Orchesterinstrumenten. Das schafft eine
Klangwelt, die einzigartig ist. Ich mache das mehr als andere Komponisten,
und es schafft auch eine Reihe von Problemen. Ein Dirigent oder ein Orchester,
das nicht gewoehnt ist, mit diesen Instrumenten zu arbeiten, erliegt da
oft schrecklichen Missverstaendnissen. Wenn ich dann nicht anwesend bin,
weiss ich nie was passiert. Zum Beispiel gab es jetzt eine Produktion
von "Nixon in China" in Wien, ich habe sie nicht gesehen, und
ich habe deshalb keine Ahnung, was sie mit den Synthesizern gemacht haben.
Ist es fuer sie als Komponist eine Notwendigkeit, selbst zu dirigieren?
Ich dirigiere, weil ich es gerne mache. Ich habe damit als Teenager angefangen,
und es ist sehr gut fuer mich aus einer Reihe von Gruenden. Es ist ein
guter Kontrast zur kreativen Arbeit. Als Komponist arbeitet man alleine
und man wird sehr introvertiert. Manchmal werden Komponisten, die ausschliesslich
Musik schreiben und nichts anderes tun, sehr praxisfern und neurotisch.
Und manche Komponisten sind beruehmt dafuer, neurotisch zu sein. Ich bewundere
Mahler zum Beispiel, oder Leute wie Boulez und Bernstein, weil die kreativ
waren, und im anderen Moment die eigene oder eine fremde Musik dirigieren,
und das vervollstaendigt ihre Persoenlichkeit. Deswegen ist es sehr wichtig
für mich. Ja, und der angenehme Nebeneffekt ist, dass ich auf diese
Weise meine Musik auffuehren kann.
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